
Das Land Baden-Württemberg hat sein Konzept zur Reaktivierung von Eisenbahn-Strecken überarbeitet und die bisher geplanten Projekte in zwei Tranchen eingeteilt. Tranche 1 („Prioritäre Projekte“) umfasst die Vorhaben, die weiter vorangetrieben werden. Alle weiteren Unternehmungen sind in einer Tranche 2 („Weiterer Bedarf“) zusammengefasst und werden zunächst zurückgestellt.
Nur elf Projekte werden fortgeführt
Die Tranche 1 besteht zum einen aus den bereits in Bau befindlichen Projekten und solchen, bei denen schon eine formale Zusage des Landes zur späteren Übernahme der Betriebskosten erfolgt ist. Ferner finden sich in dieser Gruppe Vorhaben mit einem verfestigten Umsetzungsstatus, bei denen die Planung aufgrund früherer Zusagen des Landes bereits begonnen bzw. Mittel für die Planung von den kommunalen Partnern bereits ausgegeben wurden. Zu den „Prioritären Projekten“ gehören die Verbindungen Calw – Weil der Stadt (seit Januar 2026 in Betrieb), Bernhausen – Neuhausen (Verlängerung der S2 auf der ehemaligen Filderbahn, bereits im Bau), Lauchringen – Weizen (Untere Wutachtalbahn, bereits im Bau), Ebingen – Onstmettingen (Talgangbahn), Lauffen – Zaberfeld (Zabergäubahn), Waldenburg – Künzelsau (Kochertalbahn), Reutlingen – Engstingen (Echaztalbahn), Reutlingen – Nehren (Gomaringer Spange), Ludwigsburg – Markgröningen (Markgröninger Bahn), Stockach – Meßkirch (Ablachtalbahn, erste Etappe der Ablachtalbahn), Haltingen – Kandern (Kandertalbahn) und Neckarbischofsheim Nord – Bad Rappenau (Krebsbachtalbahn).
Landesverkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) erläuterte am 8. Oktober 2026: „Die Finanzierungssituation des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) hat sich gravierend verschlechtert. Die Regionalisierungsmittel des Bundes sind nicht mehr auskömmlich. Zusätzlich wird der SPNV durch Trassenpreiserhöhungen („Schienenmaut“) in Folge eines EuGH-Urteils massiv belastet.“ In der Summe fehle dem Land dadurch künftig, sofern sich die Situation nicht verbessere, jährlich ein dreistelliger Millionenbetrag. Daher sei in BW aktuell auch das bestehende Zugangebot gefährdet. Razavi: „In dieser drastisch veränderten Situation muss das Land auch bei Reaktivierungen klar und vernünftig priorisieren. Mit dem vorgelegten Konzept setzen wir den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag um, begeben uns auf einen realistischen Pfad als verlässlicher Partner der Kommunen und bleiben im bundesweiten Vergleich dennoch bei einer ambitionierten Reaktivierungsstrategie.“
Elf Vorhaben werden abgesagt
Für die zurückgestellten Vorhaben der Tranche 2 kann derzeit keine landesseitige Unterstützung angeboten werden. Beim „Weiteren Bedarf“ handelt es sich um die Linien Breisach – Colmar (FR), Heilbronn – Marbach (Bottwartalbahn), Kirchheim – Weilheim (Kleine Teckbahn), Meßkirch – Mengen (Ablachtalbahn, zweite Etappe der Ablachtalbahn), Göppingen – Bad Boll (Bollerbahn), Maulbronn West – Maulbronn Stadt, Singen – Ramsen (Etzwiler Bahn), Balingen – Rottweil, Leutkirch – Isny, Eyach – Hechingen (Eyachtalbahn) und Gammertingen – Engstingen – Münsingen (Schwäbische Albbahn). Razavi führte aus: „Das muss keine Absage für immer sein. Nach fünf Jahren werden diese Projekte einer erneuten Bewertung unterzogen. Sollten sich zwischenzeitlich neue Initiativen für Reaktivierungsvorhaben ergeben, können diese dann ebenfalls bewertet werden – immer natürlich auch vor dem Hintergrund unserer finanziellen Möglichkeiten.“
Reaktivierungsstrategie des Landes
Die Priorisierungsentscheidung baut auf Ergebnisse der landesweiten Potenzialuntersuchung aus dem Jahr 2020 und den anschließend geförderten Machbarkeitsuntersuchungen auf. Razavi abschließend: „Mit diesem Portfolio von Reaktivierungsprojekten verfolgen wir einen ambitionierten und zugleich realistischen Pfad, der neue Mobilitätsangebote für die Menschen in allen Landesteilen schaffen wird. Mit den schwierigen Rahmenbedingungen der Finanzierung durch den Bund – insbesondere bei den Regionalisierungsmitteln – bleibt gerade die Finanzierung des späteren Betriebs auf den reaktivierten Strecken eine Herausforderung. Hier gehen wir aber mit Augenmaß vor, und ich freue mich, dass wir mit der nun vorliegenden Fokussierung den regionalen Partnern bei den priorisierten Vorhaben Sicherheit für die weiteren Planungs- und Umsetzungsschritte geben können.“
Vorgehensweise mit Augenmaß?
Die Einordnung Razavis überrascht: Abgesagt wurden Vorhaben wie die zweite Etappe der Ablachtalbahn, ohne die eine Reaktivierung des priorisierten ersten Teilstücks wenig sinnvoll erscheint, sowie Projekte, die im Einzugsbereich der einwohnerstarken Landeshauptstadt Stuttgart liegen, darunter die Bollerbahn von Göppingen nach Bad Boll. Ebenfalls unverständlich ist das Aus für Strecken der Schwäbischen Albbahn, die hier bereits im Schüler- und Freizeitverkehr unterwegs ist.
Text: VM Baden-Württemberg/red, Bild: Regionalverkehr


