
Premiere für den Energieträger Wasserstoff auf schmaler Spur: Am 19. Juni 2026 stellten Stadler und das Verkehrsunternehmen ARST im schweizerischen Erlen den ersten Wasserstoff-Triebzug für 950 mm Spurweite vor. Bestellt sind zehn dreiteilige Einheiten, die ab 2028 zunächst auf den Linien Sassari – Sorso und Sassari – Mamuntanas – Alghero im Nordwesten Sardiniens verkehren sollen. Voraussichtlich 2028 kommt eine 7 km lange Neubaustrecke von Mamuntanas zum Aeroporto di Alghero hinzu.
Einsparungen von zirka 2100 t CO₂ jährlich
Mit den zehn emissionsfrei fahrenden Wasserstoff-Triebzügen können im Vergleich zu herkömmlichen Dieselfahrzeugen jährlich zirka 2100 t CO₂ eingespart werden – damit schlagen Stadler und ARST ein neues Kapitel für eine nachhaltige und klimafreundliche Mobilität im regionalen Schienenverkehr Sardiniens auf. Kernstück der neuen Fahrzeuge ist das Antriebssystem mit Wasserstoff-Brennstoffzellen. Dieses Power Pack befindet sich in einem kürzeren Mittelwagen, der zwischen zwei langen Endwagen mit Fahrgasträumen angeordnet ist. Das Antriebssystem funktioniert wie ein Ladegerät: Es wandelt Wasserstoff in Strom um, mit dem die Fahrzeug-Batterien aufgeladen werden. Mit der Energie aus den Akkus werden die Elektromotoren in den Fahrwerken angetrieben, sodass die Züge ohne Emissionen auf den nicht elektrifizierten Strecken verkehren können.
Eine Besonderheit: Der zur Wasserstoff-Erzeugung benötigte Strom wird zu 100 % aus Sonnen-Energie gewonnen, sodass ein vollständig emissionsfreies Verkehrssystem entsteht – von der Energie-Erzeugung bis zum Bahnbetrieb. Die Anlagen zur Wasserstoff-Herstellung befinden sich derzeit im Bau: Errichtet werden drei Anlagen, jeweils in Alghero, Macomer und Mandas. Damit ist klar, dass die neuen (und ggf. weitere) Triebzüge nicht nur im Norden Sardiniens, sondern auch in der Mitte und im Süden der Mittelmeerinsel verkehren werden. Hier betreibt ARST die Schmalspurstrecken Macomer – Nuoro und Monserrato (bei Cagliari) – Mandas – Isili.
Maßgeschneidert für die Schmalspurbahn
Sardiniens Schmalspurbahnen erlauben nur geringe Achslasten, sodass die rund 50 m langen Wasserstoff-Triebzüge als Leichtbau-Fahrzeuge in Aluminium-Bauweise konzipiert sind. Sowohl das Antriebsmodul in der Mitte als auch die beiden Endwagen laufen jeweils auf zwei Fahrwerken. Die Endwagen verfügen auf jeder Seite über eine breite Doppeltür, die sich mit taktilen Leuchtdrucktastern von EAO öffnen lässt. Zwischen den Fahrwerken sind die Endwagen niederflurig, sodass auch Fahrgäste mit Fahrrad oder Kinderwagen und Rollstuhlreisende bequem einsteigen können. Von den Niederflurzonen gelangt man über drei Stufen in die hochflurigen Bereiche über den Fahrwerken. Die klimatisierten Innenräume zeichnen sich durch große Panoramascheiben und komfortable Einzelsitze mit Armlehnen aus. Meist sind die Sitze in Vierergruppen angeordnet – insgesamt können rund 150 Reisende befördert werden, etwa 60 davon sitzend. Abgerundet wird die Ausstattung durch Gepäckablagen sowie eine barrierefreie WC-Anlage. Die Fahrgasträume sind durch einen Durchgang im Mittelwagen miteinander verbunden. Ebenfalls klimatisiert sind die ergonomisch gestalteten Führerstände, die sowohl über das Fahrzeuginnere als auch über eine eigene Tür auf der rechten Fahrzeugseite erreicht werden können.
Stimmen zur Premiere
„Die von Stadler entwickelten Fahrzeuge sind ein zentraler Bestandteil der Strategie zur Dekarbonisierung des Schmalspurnetzes“, sagte Carlo Poledrini, Zentraldirektor von ARST, am 19. Juni 2026 im schweizerischen Erlen. „Für ARST ist dies der erste Schritt auf dem Weg von einem Verkehrsunternehmen zu einem Energie-Unternehmen, das in der Lage ist, sein eigenes Netz mit Strom zu versorgen.“ Ansgar Brockmeyer, Divisionsleiter Marketing & Sales und stellvertretender Group CEO von Stadler, ergänzte: „Stadler ist der weltweit einzige Zughersteller, der Wasserstoffzüge für Schmalspurstrecken fertigt. Gemeinsam mit ARST haben wir eine einzigartige Lösung auf die Schiene gebracht, die einen konkreten Beitrag zur Dekarbonisierung des Verkehrs leistet.“ Vor der Auslieferung und Inbetriebnahme durchlaufen die Wasserstoff-Triebzüge noch ein anspruchsvolles Erprobungsprogramm.
Weitere Besteller
ARST auf Sardinien ist nicht der einzige Betreiber, der seine schmalspurigen Strecken auf den nachhaltigen Bahnbetrieb mit Wasserstoff- Triebzügen umstellt. Derzeit fertigt Stadler zwei Wasserstoffzüge für die Ferrovia Circumetnea (FCE) auf Sizilien sowie neun Einheiten für die kalabrische Ferrovie della Calabria (FdC) im Südwesten Italiens. Diese Einheiten sollen ebenfalls im Regionalverkehr eingesetzt werden. Alle Fahrzeuge werden am Stadler-Hauptsitz in Bussnang (TG) gebaut.
Text: Stadler/red, Bild: Stadler


