
Laut Koalitionsvertrag der Bundesregierung soll Deutschland zum Leitmarkt für autonomes Fahren werden. Doch bis heute liegt dazu keine übergreifende Strategie für eine Realisierung dieses ambitionierten Ziels vor. Der Bund und vor allem die Länder setzen aus Sicht der Branche nach wie vor auf Einzelprojekte und deren Förderung.
Bund und Länder müssen sich abstimmen
Aus Sicht des Branchenverbands VDV droht Deutschland damit im globalen Wettbewerb den Anschluss zu verpassen. „Wir brauchen dringend eine zwischen Bund und Ländern abgestimmte Leitmarkt-Strategie, die dann konsequent und mit höchster Priorität umgesetzt werden muss“, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann am 9. Juni 2026 in Karlsruhe. Bei der Umsetzung des autonomen Fahrens würde weltweit niemand auf Deutschland warten. Wortmann: „Die Branche steht mit Projekten, Konzepten und Strategien bereit. Was wir jetzt benötigen, ist der Startschuss der Politik, damit Deutschland am Rennen ums autonome Fahren teilnehmen kann und nicht an der Startlinie stehen bleibt.“ Laut des VDV-Chefs ging es um nicht weniger als um den Industriestandort Deutschland.
Autonomes Fahren auch auf der Schiene
Neben einer fehlenden Gesamtstrategie bemängelt der VDV auch, dass man beim autonomen Fahren bisher fast ausschließlich den Straßenverkehr im Blick hat. Dabei eignen sich spurgeführte Schienenverkehre – beispielsweise U-Bahnen oder Stadtbahnen, die oft unabhängig vom restlichen Straßenverkehr fahren – besonders gut, um bei der Umsetzung des autonomen Fahrens im Alltag schnell voranzukommen. Dazu braucht es allerdings zunächst, analog zum Straßenverkehr, einen entsprechenden Rechtsrahmen. Um Leitmarkt zu werden, sollte man alle Verkehrsmittel mit in die Betrachtung einbeziehen und bewerten, so die Empfehlung des VDV.
Während auf der Straße seit 2021 ein Rechtsrahmen für autonome Fahrzeuge besteht, fehlen für Stadt- und Straßenbahnen bislang wesentliche rechtliche Grundlagen in der entsprechenden Betriebsverordnung. VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff erklärte auf der VDV-Tagung: „Wir haben in einem aktuellen Positionspapier den politisch notwendigen Handlungsrahmen beschrieben. Wir bieten dem Bund und den Ländern an, dazu sofort mit uns in den fachlichen Austausch zu kommen, damit es voran geht und wir keine weitere Zeit verlieren. Wer autonome Mobilität will, muss jetzt Bus und Bahn zusammen denken – mit moderner Betriebsordnung, klaren Zulassungsverfahren und finanzierten Modellregionen.“
Autonomes Fahren: TramTrain zeigt, wie es geht
Trotz fehlender politischer Priorisierung haben die technischen Vorarbeiten für einen autonomen Betrieb auf der Schiene vielfach bereits begonnen. So auch in Karlsruhe, wo mit dem „Karlsruher Modell“ und dem TramTrain schon seit langem ein besonderes Augenmerk auf nachhaltige Straßenbahn-Angebote gelegt wird. Bereits in naher Zukunft wollen die Karlsruher Nahverkehrsgesellschaften mit ihrem Projekt „Automatisches Fahren im Albtal“ große Schritte in Richtung autonomes Fahren auf der Schiene gehen. Auf ihrer Stammstrecke im Albtal mit den Linien S1/S11 sollen perspektivisch erstmals Haltestellen und Fahrzeuge so umgerüstet werden, dass auf offener Strecke – also gezielt außerhalb geschlossener Systeme – autonomer Stadtbahn-Betrieb angeboten werden kann. Prof. Dr. Alexander Pischon, Vorsitzender der Geschäftsführung der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), unterstrich: „Wir stehen mit unserem renommierten ,Karlsruher Modell‘ seit jeher für visionäre Pionierarbeit und innovative Konzepte. Mit dem breit angelegten automatischen Fahren im Regelbetrieb wollen wir mutig und zügig die Weichen für den autonomen Bahnbetrieb der Zukunft stellen.“
Positionspapier zum autonomen Fahren auf der Schiene
Mit dem neuen VDV-Positionspapier „Die Tram der Zukunft fährt autonom“ legt die Branche zur Jahrestagung 2026 in Karlsruhe eine Strategie für autonome Stadt- und Straßenbahnen vor. Der zentrale Befund: Autonomes Fahren auf der Schiene ist besonders naheliegend, weil Straßen- und Stadtbahnen spurgeführt, liniengebunden und systemisch steuerbar sind. Fahrerlose Schienensysteme sind in geschlossenen Infrastrukturen bereits Realität oder konkret in Umsetzung – etwa in Paris, Nürnberg oder bei der U5 in Hamburg. Für offene städtische Systeme wie Straßen- und Stadtbahnen fehlen jedoch klare rechtliche Grundlagen. Der VDV fordert deshalb eine zügige BOStrab-Novelle, bundesweit harmonisierte Nachweis- und Bewertungslogiken sowie Förderregionen für autonome Projekte. Der Weg kann über vier Szenarien führen: Depot, unabhängiger Bahnkörper, besonderer Bahnkörper und straßenbündiger Mischverkehr.
Das VDV-Positionspapier „Die Tram der Zukunft fährt autonom“ steht unter hier zum Download bereit. Weitere Informationen zur VDV-Jahrestagung 2026 in Karlsruhe gibt es hier.
Text: VDV/red, Bild: Michael Fahrig/VDV


